Interview: Dirk Brall
Ihr neustes Buch „Mandela und Nelson” spielt wie viele ihrer Bücher in Tansania und handelt von zwei Kindern, die nach dem großen Freiheitskämpfer benannt wurden. Was war der Auslöser für diese Geschichte?
In den Neunzigern habe ich ein Ehepaar getroffen, das am 9. Mai Zwillinge bekommen hat, dem Tag als Nelson Manda zum Präsidenten gewählt wurde. Zu seinen Ehren nannten die stolzen Eltern das Mädchen Mandela und den Jungen Nelson. In Afrika darf man ein Kind so nennen, wie man will. Ein anderes Mal habe ich ein Ehepaar kennen gelernt, das ihr Kind den Namen Baden-Württemberg gegeben hat.
In der Geschichte steht den beiden Kindern und ihrem Fußballteam ein Freundschaftsspiel gegen eine Jugendmannschaft aus Deutschland bevor. Alle im Dorf sind aufgeregt wegen des berühmten Gegners. Wie kamen Sie auf dieses Dorf namens Bagamoyo?
Ich wollte gerne eine Geschichte an diesem Ort schreiben, weil ich ihn sehr mag. Bagamoyo liegt achtzig Kilometer von Daressalam entfernt am Indischen Ozean und war früher das Zentrum des Sklavenhandels Ostafrikas. Es war aber auch ein Schmelztiegel von Kulturen der Inder, Araber und verschiedener afrikanischer Völker. Bis heute lebt dort eine Bevölkerung von Muslimen, Protestanten und Katholiken. An vielen Gebäuden sieht man auch noch deutsche Spuren, denn der Ort war fünf Jahre lang Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika, bis man sich für Daressalam entschied, weil der Hafen besser einzurichten war. Das alte Postamt und Zollamt stehen noch. Und bald soll dieser Ort Weltkulturerbe werden. Das alles macht Bagamoyo so erzählenswert.
Ihre Geschichte lebt von vielen Details. Mussten Sie viel recherchieren?
Mein afrikanischer Freund Kwabi hatte mich eingeladen und so konnte ich mir ein eigenes Bild über die Fußballjugend machen; davon wusste ich fast nichts. Also bin ich bei den Jugendlichen zu Hause gewesen, habe sie zur Schule begleitet, und Kwabi, der der Trainer in meinem Buch ist, hat für mich übersetzt. Mir waren vor allem die Atmosphäre und die Umgangsweise der Kinder wichtig. Ihr besonderer Witz, wie sie sich zum Beispiel gegenseitig Mister nennen, habe ich in das Buch aufgenommen, ebenso wie den Fischputzer am Strand, der keine Zeit hat, zum Training zu kommen, die Kühe, die übers Fußballfeld latschen, die fehlenden Seitenlinien und Markierungen, die die Jugendlichen gar nicht stören. Die spielen trotzdem, Jungen und Mädchen in einem Team.
Nach diesem Besuch habe ich das Buch noch einmal neu geschrieben. Das Grundgerüst und meine Idee hatte ich, aber die Details, die Figuren und Gestalten, die überschäumende Lebensfreude, wie diese Kinder die schwierigsten Dinge meistern, die Kreativität, das hat mir erst dieser Afrika-Besuch geschenkt.
Mir hat diese hohe Kunst der Improvisation imponiert, die sie in ihrem Buch beschreiben.
Ohne Improvisation geht in Afrika nichts. Dort findet man kaum etwas von dem, was wir unter allgemeinem Wohlstand verstehen. Die Leute sind sehr, sehr arm. In der Geschichte hat die Mannschaft einfach kein Geld, Tornetze oder vernünftige Fußbälle zu kaufen. Ich hatte drei Bälle mitgebracht, für 18 Euro vom Kaufhaus. Mir zu Ehren haben sie dann ein Spiel angesetzt, das über die doppelte Zeit ging. Es gab Streit darum, wo der Elfmeterpunkt ist, bis einer elf Meter lief und sagte: Hier ist der Punkt.
Das zeigte mir zum einen, wie kreativ sie mit Problemen umgehen, aber zum anderen auch eine Leichtigkeit, nicht alles so ernst zu nehmen. Einen Vierjährigen schmissen die Spieler nicht gleich vom Platz, wenn er mit seinem eigenen Stoffball dazwischen kickte, sondern streichelten ihm über den Kopf.
Ist Fußball wie bei uns ein Freizeitvergnügen?
Kinder müssen zu Hause sehr viel arbeiten und Sport ist manchmal der einzige Freiraum, der ihnen bleibt. Dass sie dennoch so fleißig sind, spricht für ihre Disziplin, um drei Uhr nachmittags zum Training zu kommen. Manchmal müssen sie eine Stunde zu Fuß dafür laufen. Und wenn es Auswärtsspiele gibt, müssen sie manchmal einen halben Tag per Anhalter fahren. Der Trainer hat vielleicht ein Auto, das dann völlig überfüllt ist, aber es reicht nicht für alle. Häufig werden die Spiele erst eine Stunde später angepfiffen oder mit neun Spielern begonnen.
Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat der Fußball in Afrika?
Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich. In Bagamoyo ist der Gründer des Clubs ein frommer Muslim, der vor allem das Ziel hat, die Kinder von der Straße wegzuholen, damit sie eine Perspektive finden und nicht in den Drogenhandel abrutschen. Dieser Mann besorgt ihnen Lehr- und Arbeitsstellen. Er geht von Tür zu Tür und fragt etwa in Hotels, ob sie jemanden in der Küche brauchen oder einen, der Kellner werden will. Fußball hat deshalb eine wichtige soziale Funktion für die Kinder.
Gibt es in Tansania eine gewisse Vorfreude auf die WM, auch wenn die eigene Nationalmannschaft nicht mitspielt?
Unbedingt! Die Menschen in Tansania sind stolz, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika stattfindet, sie reden dauernd darüber und freuen sich darauf. Das hat Auswirkungen auf die Fußballsituation insgesamt. Jedes Dorf versucht eine Ackerfläche zu kaufen, um einen Fußballplatz einzurichten.
Kann die WM die Wahrnehmung auf Afrika ändern?
Ich hoffe, denn bis Anfang des Jahrtausends wurde ja nur über Afrika als einen Scherbenhaufen berichtet. Über Dinge, die medientauglich waren: Hungersnöte, Bürgerkriege, ökologische Katastrophen. Aber ich habe auf meinen Reisen ein anderes Afrika kennengelernt : Eins(, das Frieden mit seiner Kolonialzeit geschlossen hat, keinen Rassismus gegenüber den Weißen pflegt und eine unglaubliche Lebensfreude besitzt.
Warum herrscht dort diese Freude?
Manche sagen, weil die Lebensdauer der Menschen so gering ist, dass man jeden Tag feiert. Ich weiß nicht, ob das eine Erklärung ist. Ich glaube, dass die Fähigkeit zu lachen, ohne über andere zu lachen, das ist, was ich in Afrika gelernt habe. Humor geht nie auf Kosten anderer. Zynismus oder Sarkasmus ist den Afrikanern fremd. Viele der Witze, die wir in Europa erzählen, kann man in Afrika nicht erzählen. Auch wenn sie gut sind – aber über andere lachen, das tut man in Afrika nicht.
Das klingt nach viel Respekt.
Ja. Es herrschen oft sehr konservative Strukturen. Man könnte auch sagen: autoritär. Was Papa sagt, das wird gemacht. Aber die, die das Leben in Afrika eigentlich bestimmen, sind die Frauen. Das sind die Marktfrauen, die Mütter, die sich nie in den Vordergrund drängen und den Kontinent am Leben halten. Denn die Frauen haben sogar die ökonomische Macht. Sie wissen genau, wann sie zur Bank gehen und ihr Geld einzahlen, wann sie es abholen und was sie damit machen. Die Männer schwingen zwar die großen Reden, aber in der Erziehung, in der Ökonomie, in der Führung der Familie bestimmen die Frauen.
War die einseitige Berichterstattung über Afrika Ihre Motivation, um anzufangen zu schreiben?
Nein, das hing mit meiner Lebensphase zusammen. Ich habe über dreißig Jahre lang als Verleger gearbeitet und bin nie auf die Idee gekommen, selber Geschichten zu schreiben. Ich hatte gar nicht das Selbstbewusstsein dazu. Das änderte sich erst Mitte der Neunziger Jahre, als ich mich im Urlaub in Mexiko hinsetzte und mein erstes Buch “Auf dem Strom” geschrieben habe. Ich saß die meiste Zeit in einem alten Café, der dicke Wirt schnarchte hinter der Theke, morgens war ich der einzige Gast. Nach drei Wochen war ein Packen Manuskriptseiten fertig, die ich dann drei Jahre liegen ließ, bis ich einen neuen Computer bekam und sie abtippte. Die Geschichte gefiel mir immer noch. Es war aber sehr abseits vom Mainstream, von dem, was sonst gedruckt wurde. Dann bekam es der Verleger Klaus Humann vom Carlsen Verlag in die Hand und rief mich an, er wolle gerne ein Buch daraus machen. Das war eine große Motivation für mich. Und das erste Buch war noch nicht gedruckt, da hatte ich eine Idee für ein Zweitese, das in der Türkei spielt, wo ich ein Jahr gelebt habe. Dann kam das dritte, das vierte …. Geplant war das nicht so, aber man weiß ja wenig über seine tiefliegenden Wünsche und Träume.
Bei unserer redaktionellen Arbeit an FINALE waren wir angetan von ihrem Werdegang, weil er gut zu unserem Thema passt. Sie sind nicht in Rente gegangen, sondern in eine zweite Halbzeit.
Wenn ich viele meiner Altersgenossen sehe, die mit den Händen auf dem Rücken durch die Fußgängerzone gehen und sich langweilen, fühle ich mich sehr privilegiert. Ich glaube, dass es für alle Menschen etwas gibt, das sie in den Rentenjahren noch machen können. Ich bin dem Leben sehr dankbar, dass mir das Schreiben geschenkt worden ist.
Ihre Bücher stecken voller Geschichten. Woher haben Sie diese?
Bei meinen vielen Reisen hatte ich das große Glück, ungewöhnlichen Menschen zu begegnen und ungewöhnliche Dinge zu erleben.
In einem Supermarkt in Togo stand ich zum Beispiel an der Kasse in einer langen Schlange. Da sprach mich eine ältere afrikanische Dame an und fragte mich, woher ich komme. Erst auf Französisch, dann auf Englisch – und dann auf Deutsch. Ich sagte, die Stadt ist nicht so bekannt, sie hieße Wuppertal. Da liefen ihr ein paar Tränen hinunter. In Wuppertal bin ich geboren, sagte sie. Nachdem ich bezahlte hatte, verabredeten wir uns, um das Gespräch fortzuführen. Ich erfuhr, dass ihr Vater mit seinen vier Frauen als Teil einer der Afrikashows im deutschen Kaiserreich arbeitete. Damals wurden Afrikaner hierher gebracht, um sie in Shows zu zeigen. Sie sangen, tanzten und trugen Baströckchen dabei. Wenn eine seiner Frauen schwanger wurde, suchte der Vater Pflegefamilien, da er auf die beschwerliche Reise durch das deutsche Kaiserreich keine Babies mitnehmen konnte. Und diese kleine Therese wurde zufällig in Wuppertal geboren. Der Vater fand ein kinderloses Ehepaar, das bereit war, das Kind für ein, zwei Jahre zu nehmen, bis zum Ende der Vertragszeit des Vaters. Aber dann brach der Erste Weltkrieg aus, während die Afrikatruppe in Russland war, und sie verschwanden in den Wirren des Krieges und der Revolution. Therese jedoch blieb in Wuppertal, ging zur Schule, machte Abitur und wollte Ärztin werden. Als die Nazis an die Macht kamen, gaben ihr die Eltern Geld, damit sie nach Afrika fliehen konnte, in ihre Heimat nach Togo.
Erst 1954 kam Therese wieder zurück nach Deutschland als Ehefrau des ersten togolesischen Botschafters in Bonn. Sie fuhr nach Wuppertal, wo sie die Pflegeeltern, zu denen sie während der ganzen Zeit keinerlei Kontakt gehabt hatte, suchte. Dort erfuhr sie, dass diese bei dem Bombenangriff auf Wuppertal 1943 ums Leben gekommen waren.
Das alles erzählte sie mir. Und auch, dass sie bei den Pflegeeltern immer einen Abreißkalender gelesen hätte, und bat mich, ihn ihr zu schicken. Der Kalender stammte aus dem Verlag, in dem ich meine Buchhändlerlehre gemacht habe. Ich habe ihn ihr bis an ihr Lebensende geschickt.
Das sind Geschichten, die einfach unglaublich sind. Ich habe die Geschichte von Therese in Bruchstücken und leicht verändert in das Buch “Auf dem Strom” aufgenommen. Meine eigene Leistung an dieser Geschichte war lediglich, dass ich zugehört habe und nicht sofort weiter zum nächsten Termin gerast bin.
Wie findet sich das Finale Ihrer Romane?
Ich habe unbedingtes Vertrauen in die Geschichte, dass sie ein Ende findet, und erzähle einfach weiter. Schon zu Beginn ist das Ende da, wenn auch verborgen. Manchmal ist es, als würde jemand diktieren, manchmal muss ich grübeln, manchmal habe ich große Zweifel.
Ist das Schreiben dann ähnlich wie ihre Reisen?
Die Frage hat mir noch nie jemand gestellt. Ich finde sie aber höchst spannend. Denn das Schreiben ist meiner Art zu reisen sehr nah. Es hat eine größere Gelassenheit als mein Alltag und ein ähnliches Hinschauen auf die Menschen.
Gibt es einen Ort in Afrika, in dem ein Buch von ihnen noch spielen soll?
Ja, auf der Insel Ukurewe. Auch wenn ich darüber schon ein Bilderbuch und einen Kinderroman geschrieben habe. Die Insel ist Afrika pur und gleichzeitig ein Kosmos für sich. Da leben der berühmteste Dichter Tansanias und eine Königin, es gibt ein Schloss, einen Königsfriedhof, da geht kein Schwarzer freiwillig hin und bleibt hundert Meter davor stehen – aus Angst vor den Geistern. Es gibt alle Religionen in Ukurewe und sogar einen Ort, der Neuwied heißt. Auch wie der Ort zu seinem Namen kam trägt eine besondere Geschichte: Als der erste Offizier 1885 mit einem Boot in Ukurewe landete, fragte dieser seine Übersetzer: Wo bin ich hier? Da sagte ein Afrikaner: Du bist hier in Bukurewe. Der Offizier fragte er zurück: Ukerewe? Nein, sagte der Schwarzer, Bukerewe! Dafür bekam er 20 Stockschläge, da man einem deutschen Offizier nicht widersprach. Die Insel hieß somit ab sofort Ukerewe.
Diese Geschichte erzählen sich bis heute die Afrikaner lachend, hauen sich auf die Schenkel, obwohl es eigentlich eine entsetzliche Geschichte ist.
Was wäre ihr Traumfinale für die WM?
Ich fände es wunderbar, wenn eine afrikanische Mannschaft gegen die deutsche spielen würde. Die Afrikaner werden weit nach vorne kommen. Ägypten oder Nigeria könnten es bis ins Finale schaffen. Die Afrikaner investieren unglaublich viel in ihre Vorbereitung, obwohl sie sich den hohen Standard der westlichen Mannschaften nicht leisten können. Die Afrikaner haben trotzdem eine Chance, so wie Griechenland einmal Europameister geworden ist.
Wie würden die anderen Länder Afrikas reagieren, wenn eine Mannschaft von ihnen Weltmeister werden würde?
Die Reaktion wäre völlig anders als die der Europäer. Den meisten Afrikanern ist es egal, ob Ghana oder Nigeria oder Togo Weltmeister werden würde. Als der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka 1986 den Nobelpreis für Literatur bekam, ging dieser Preis nicht nur nach Nigeria, sondern nach ganz Afrika. Es gibt in Afrika einen anderen Begriff von Nation. Das hängt damit zusammen, dass die Grenzen von den Kolonialherren willkürlich gezogen wurden. Es ist eine große Leistung, diese Stabilität zu erhalten, bis auf wenige Ausnahmen ist es gelungen. Den Nationalstolz, wie wir ihn in Europa kennen, gibt es in Afrika nicht. Deshalb ist es egal, wer gewinnt, aber wenn es eine afrikanische Mannschaft sein sollte – das wäre für sie das Größte.




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