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#10 BEWEGUNG

#10 BEWEGUNG

Die Ausgabe

Mit der 10. Ausgabe von FROH! feiern wir ein kleines Jubiläum. Um nicht in retrospektive Gemütlichkeit zu verfallen, haben wir ein Heft gemacht, das „Bewegung“ heißt. Es geht um kleine und große Revolutionen, Mainstream und Widerstand, bewegte Bilder und die große Liebe am Ende des Lebens.

Hans Nieswandt, Popjournalist und DJ, geht der Frage nach, warum im Wort „Politik“ das Wort „Po“ steckt, der Ägyptologe Jan Assmann spricht darüber, was Menschen vor 5000 Jahren bewegt hat und die Gestalterin Samara Tanaka berichtet von ihrem Versuch, in einer Favela in Rio ein soziales Projekt aufzubauen.

FROH! Nr. 10 erzählt davon, wie in Georgien eine Stalin-Statue verloren gegangen ist, was passiert, wenn sich die eigene Tochter entscheidet, ein Kinder-Filmstar zu werden und was man auslöst, wenn man den ganzen Tag auf einem Postkasten sitzt. Wer bei der revolutionären Gestaltung und dem 116 Seiten starken journalistischen Maßnahmenpaket in jedem Fall bewegt wird, sind die Leser.

Die Welt zu euren Füßen

Die Generation der Babyboomer wusste schon immer, welche Hebel man in Deutschland in Bewegung setzen muss. Der Publizist Christian Sauer fragt sich trotzdem, was seine Generation eigentlich verändert hat. Und hat ein paar Rückmeldungen an die Macher von Morgen.

Fass ohne Boden

Wo es um Land und Boden geht, herrscht auf dem Weltmarkt gerade Goldgräberstimmung. Wenn wir uns jetzt nicht bewegen, könnte der Run auf den Boden allerdings zu einem ökologischen Erdrutsch führen. Der Journalist Wilfried Bommert ist der Frage auf den Grund gegangen.

Wo die Liebe hinfährt

Ein Paar geht auf eine Reise von der es weiß, dass es die letzte sein wird. Die Bilder der Fotografin Sibylle Fendt zeigen, dass man auch am Ende des Lebens noch Neuland entdecken kann.

This little boy Stalin

Eigentlich wurde vor drei Jahren die letzte Stalin-Statue aus der Innenstadt Goris entfernt, aber in den Köpfen der Einwohner ist das berüchtigte Kind der kleinen georgischen Stadt immer noch präsent. Ben Knight hat der Vergangenheit einen Besuch abgestattet.

EDITORIAL
Wir sind Kinder von Bewegern.

Farbe, Pinsel, alte Bettlaken – mehr brauchte man in den 80ern nicht, um verkehrsberuhigte Zonen zu schaffen oder AKWs vom Netz zu nehmen. Und vielleicht noch die Überzeugung, dass man etwas bewegen kann! Eine Kindheitserinnerung.

Es war ein sonniger Wintertag, viel zu schön, um ihn am Rande einer mäßig belebten Hauptverkehrsstraße zu verbringen. Ich saß auf dem Bürgersteig unter einem grünen Sonnen­schirm und hatte die Auf­gabe, den Hebel der Buttonmaschine runterzudrücken. Rainer und ein anderer Erwachsener positionierten vorsichtig selbstgemalte Schildchen unter einem Stück Plastikfolie, dann bekam ich ein Zeichen und – klack. Wir hatten jetzt bestimmt fünfzigmal „Für Tempo 30 in unserer Gemeinde“ gepresst, nur Menschen aus unserer Gemeinde waren noch keine zu sehen. „Wo hattet ihr eigentlich die Plakataufsteller her?“ fragte jemand. „Die haben Inge und Rolf doch in ihrer Scheune gefunden. Sind wahrscheinlich vom Vorbesitzer.“ „Aber da waren noch alte Plakate drunter, die habt ihr einfach überplakatiert. Und nach dem Regen gestern hing da auf einmal die KPD/ML, die anderen waren stinksauer.“

Es war das Jahr 1989 und die Kommunalwahlen für Hessen standen kurz bevor, Wahlen, in denen die Grünen mit Pauken und Trompeten in die Stadtparlamente einziehen sollten. In unserem Wahlkreis, der ein Zusammenschluss aus vier Dörfern und einer Kleinstadt ist, bestand die Partei im Wesentlichen aus einem Freundeskreis stadtflüchtiger Intellektueller: Künstler, Schriftsteller, Programmierer und Lehrer, die sich auf dem Dorf alte Fachwerkhäuser gekauft hatten und diese nun in liebevoller Handarbeit restaurierten. Ich war mit zehn Jahren das älteste Grünen-Kind, und obwohl meine Eltern so vieles bewegen wollten, war mir langweilig.

Was nicht heißen soll, dass ich unpolitisch war. Wie alle Kinder hatte ich ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und konnte durchaus für höhere Ziele eintreten. Als es darum ging, gegen ein geplantes Atomkraftwerk im nahen Borken zu demonstrieren, malte ich ein eigenes Plakat, auf das ich sehr stolz war und dessen Inhalt ich mir nicht ausreden lassen wollte. „Kohl ist hohl“ stand darauf – auf die politischen Feinheiten kam es mir nicht an, ich wollte provozieren. Aber manchmal litt ich eben auch unter dem Engagement meiner Eltern. In der Schule mobbten mich ältere Kinder damit, ein „Öko“ zu sein. Ich war darüber etwas irritiert, denn zu Hause klang dieses Wort immer wie ein geheimnisvolles Versprechen. Vielleicht mobbten sie mich auch, weil ich einen selbstgestrickten Mohair-Pulli trug, auf dem in Neongelb das Wort „Judo“ stand. Auch wenn mir Demonstrieren Spaß machte, auch wenn ich die Fahrradausflüge mit den Grünen mochte und Tiere gern hatte, wäre ich gern neutral geblieben. Ich wollte beides: Grün sein und trotzdem die Nordhessen-Rally sehen, die oben bei uns am Dorf vorbeiführte. Öko sein und trotzdem Kuchen aus weißem Mehl essen.

Heute fällt es mir viel leichter, zwischen den Welten zu pendeln. Das liegt nicht daran, dass ich aus meinem Mohair-Pulli rausgewachsen und selbst ein Erwachsener geworden bin. Und auch nicht daran, dass das, was in den grünen Wahlprogrammen der 80er noch zur Gegenposition gereichte, heute längst Common Sense ist. Es liegt daran, dass ich das Kind von Bewegern bin. Ich gehöre zu einer Generation, die von ihren Eltern mitgeschleppt wurde, was ja auch eine Form der Bewegung ist: Keine Demo, auf der ich nicht war, keine Wahlparty, die ich verpasst hätte, und selbst die Parteitage, die eigentlich Fahrradausflüge mit Familien waren, habe ich mit erlebt. Ich gehöre zu denen, die sich nicht von den Zielen der vorhergehenden Generation lossagen konnten, weil diese Ziele, ehrlich gesagt, sehr sinnvoll sind. Statt dessen habe ich mich in der grünen Komfortzone, die meine Eltern und andere erarbeitet haben, eingerichtet. Ich kaufe ökologisches Gemüse, so lange es mir schmeckt, und ich habe einen ziemlich guten CO2-Fußabdruck, weil ich mir meistens nur Urlaub in Deutschland leisten kann.

Ich bin jetzt in etwa so alt wie die jungen Grünen in meiner Kindheit. Wenn ich an die Freunde meiner Eltern zurückdenke, habe ich ein Déja-vu: Da sind Männer mit Vollbärten und Hornbrillen, Frauen die Nudeln und Brot selbst machen und jeden verfügbaren Quadratmeter Außenfläche mit Gemüse bepflanzen, da sind begrünte Verkehrsinseln und die Do-it-yourself-Manie, die vom Stricken und Nähen bis zum Schrauben und Bauen reicht, da sind Kinder, die „Ralf“ und „Dörte“ sagen statt „Mama“ und „Papa“, und Eltern, die fair gehandelten Kaffee trinken. Wenn ich mir die Wahlpartys vor Augen führe, die ich als Kind so geliebt habe, kommt es mir vor, als hätte man im Berlin-Kreuzberg der 2010er willkürlich Menschen von der Straße gegriffen und mit einer Zeitmaschine in die hessische Kleinstadt meiner Kindheit transferiert. Aber das ist nur der äußere Eindruck. Denn es gibt auch einen wesentlichen Unterschied zwischen mir und meinen Eltern, nämlich das Gefühl, etwas bewegen zu können. Was mir verloren gegangen ist, ist die Überzeugung, dass man mit etwas Plakafarbe und ein paar alten Betttüchern ein AKW vom Netz nehmen kann. Dass man mit selbstbemalten Buttons und handgestalteten Schaukästen seine Ortsgemeinde zum Umdenken bringen kann. Dass man einfach mal eine Partei gründet, weil sonst etwas fehlt in der politischen Landschaft. Wir Neo-Ökos zitieren die Symbole unserer Eltern gern mal, wir tragen Jutetaschen mit Buttons drauf, aber ein Transparent auszurollen, auf dem unsere Meinung steht, das fällt uns schwer. Da bleiben wir lieber ein bisschen indifferent.

Irgendwie wollte kein Leben in den Bürgersteig kommen. Einige Abgeordnete der SPD hatten sich eingefunden und diskutierten mit dem Sprecher der Lenkungsgruppe Dorferneuerung. Der Ton seitens der SPDler war freundlich und wechselte zwanglos zwischen Du und Sie: „Wir haben auch Kinder, die hier groß werden, das müssen Sie mir gar nicht erzählen, aber es gibt auch Notfälle – Krankenwagen zum Beispiel. Denen kannst Du nicht mit Bodenschwellen kommen!“, sagte ein älterer Herr gerade.

Ich lehnte mich zurück und kaute auf einem Stück Vollkornkuchen, das meine Mutter mir gegeben hatte. Plötzlich trat mein Vater neben sie, legte den Arm um ihre Schultern und fischte in einer Bewegung, die zärtlich und präzise war, den Auto­schlüssel aus ihrer Jackentasche. „Wollen wir ein bisschen fahren?“, fragte er. Meine Augen leuchteten. „Los geht’s, wohin werden wir schon sehen!“

Gutes Projekt

Der Verein Querwaldein aus Köln schickt Stadtkinder in die Natur, legt Gärten an und organisiert Bienenbildung und Waldabenteuer in Kitas und Schulen.

50 Cent pro verkauftem Heft dieser Ausgabe spenden wir der gemeinnützigen Arbeit von Querwaldein e.V.. Auch darüber hinaus kann gerne an Querwaldein gespendet werden – auf der Spendenplattform Betterplace.org haben wir ein Projekt eingerichtet: froh.betterplace.org.

Der FROH! Beirat

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FROH! Magazin

Beitragende

Ausgabe #10 BEWEGUNG


  • Gutberlet

  • Hueng

  • Koppert

  • Nick DeWolf

  • Wigald Boning

  • Herbert Feuerstein

  • Ben Knight

  • Birgit_Borsutzky

  • Eva Steidl

  • Franca Neufeld

  • Katrin Stangl

  • Mach mit
Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann, Jahrgang 1938, ist eme­ritierter Ägyptologe, Religionswissenschaftler und Kulturwissenschaftler. Gemeinsam mit seiner Frau Aleida entwickelte er die Theorie des kulturellen Gedächtnisses.
Joachim Baldauf, Jahrgang 1965, ist einer der wichtigsten Werbe- und Modefotografen unserer Zeit. Seine erste Monografie ist 2013 im Distanz-Verlag erschienen. Außerdem gibt Baldauf das VORN Magazin heraus. joachimbaldauf.de
Dr. Wilfried Bommert, Jahrgang 1950, ist seit 1979 Journalist beim WDR und Leiter der ersten Umweltredaktion im WDR-­Hörfunk. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Bodenrausch“ (Eichborn 2012). wilfried-bommert.de
Wolfgang Burat, Jahrgang 1955, war Mitherausgeber der Zeitschrift SPEX, für die er von 1980 bis 1990 als Fotograf tätig war. Seine Arbeiten wurden in u. a. in der Kunsthalle Nürnberg ausgestellt. wolfgangburat.blogspot.de
Lisa Frieda Cossham, Jahrgang 1979, hat Theaterwissenschaft studiert und anschließend die Deutsche Journalistenschule besucht. Sie schreibt für verschiedene Magazine, darunter das SZ-Magazin und die Cosmo­politan.
Sibylle Fendt, Jahrgang 1974, lebt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Sibylle ist Mitglied der Berliner Fotoagentur Ostkreuz. Ihr Buch „Gärtner‘s Reise“ ist bei Kehrer erschienen. sibyllefendt.de
Marc Fischer, 1970 – 2011, war einer der wichtigsten Wegbereiter des deutschen Popjournalismus. Sein Reportagen­band „Die Sache mit dem ich“, ist im Jahr 2013 bei Kiwi erschienen.
Daniel Gebhart de Koekkoek lebt und arbeitet als Fotograf in Wien. Seine Bilder wurden u. a. im Vice-Magazin, im SZ-Magazin und im Zeit-Magazin veröffentlicht. gebhart.dk

Wolfgang Gründiger, Jahrgang 1984, ist Autor u. a. der Bücher „Meine kleine Volkspartei“, „Wir Zukunftssucher“ und Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. wolfgang-gruendinger.de
Anna Katharina Jansen, Jahrgang 1988, lebt und arbeitet als Illustratorin in Köln. annakatharinajansen.de
Laura Junger, Jahrgang 1987, ist eine selbständige Illustratorin und Grafikerin aus Paris. Sie lebt und arbeitet seit drei Jahren in Berlin. loragearrive.free.fr
Ben Knight ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt meistens auf Englisch, aber er kann auch ganz gut Deutsch. benknight.de
Karin Kraemer lebt und arbeitet als Illus­tratorin in Hamburg. karin-kraemer.blogspot.de
Riikka Laakso, Jahrgang 1987, stammt aus Finnland, lebt und arbeitet als Illustratorin aber in ihrer Wahlheimat Berlin. riikkalaakso.com

Van Bo Le-Mentzel, Jahrgang 1977, ist Architekt und Aktivist. Bekannt wurde er für seine Hartz-IV-Möbelreihe, deren Baupläne er kostenlos ins Internet stellt. hartzivmoebel.blogspot.com
Stefan Mosebach, verschlug es nach dem Diplom von Köln nach Hamburg. Dort arbeitet er gegenwärtig als Illustrator. stefanmosebach.com
Tamar Nadiradze, Jahrgang 1991, lebt in Gori, Georgien. Sie studiert Illustration und Buchgestaltung an der Hochschule der Künste in Tbilisi.
Franca Neuburg, Jahrgang 1975, lebt mit ihrer Familie in Köln und arbeitet als Illustratorin und Objektdesignerin. zenzi-design.de
Hans Nieswandt, geboren 1964, lebt mit seiner Familie in Köln. Er gilt als einer der renommiertesten House-DJs Deutschlands und arbeitet als Musikjournalist. Er war Redakteur der Zeitschrift SPEX und veröffentlichte mit Whirlpool Productions vier Alben. hansnieswandt.de
Benjamin Piel, Jahrgang 1984, derzeit Redakteur der Elbe-Jeetzel-Zeitung, wurde mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet.
Max Rogalski, Jahrgang 1987, lebt und arbeitet als Illustrator und Grafikdesigner in Düsseldorf. burakov.de
Benedikt Rugar, Jahrgang 1984, ist freischaffender Illustrator und lebt derzeit in seiner Wahlheimat Berlin. Er arbeitet für diverse Magazine, Zeitungen und Museen. benediktrugar.de
Dr. Christian Sauer, Jahrgang 1963, ist Publizist, Coach und Redaktionsberater in Hamburg. Nach einem Volontariat beim Tagesspiegel in Berlin war er u. a. Mitgründer und stellvertretender Chefredakteur des Monatsmagazins chrismon. christian-sauer.net

Barney Schaub ist Mitgründer und Mitherausgeber des Magazins SPEX und arbeitet als Fotograf in Köln.
Jochen Schievink lebt und arbeitet als Illustrator in Hamburg. jochenworld.de
Oliver Schneider arbeitet als Künstler und Designer in Köln, wo er zusammen mit Ana Motjér das ROYAL FAMILY-designlabor gegründet hat. royalfamily-designlabor.de
Dr. Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, arbeitet heute für das Goethe-Institut in Georgien. Er ist Autor zahlreicher Essay- und Reisebücher, zuletzt „Fifth Avenue“ (S. Fischer 2010). Im Frühjahr 2014 erscheint „Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan“.
Fabian Weiß, Jahrgang 1986, arbeitet als freischaffender Fotograf für nationale und internationale Publikationen. Fabian lebt in Estland und Deutschland und arbeitet in Europa und im Nahen Osten. Sein Buch „Wolfskinder“ ist in der Edition Lammerhuber erschienen. fabianweiss.com
Sarah Wiesmann, Jahrgang 1978, ist freischaffende Illustratorin und Lehrkraft in der Druckgrafikwerkstatt der Kunstakademie Düsseldorf. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Köln. sarahwiesmann.de
Samara Tanaka lebt und arbeitet als Gestalterin in Rio de Janeiro. samaratanaka.com

Dr. Siegfried Zimmer, Jahrgang 1947, lehrt als Professor für evangelische Theo­logie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. siegfriedzimmer.de